Leserbrief an den WESER-KURIER

Ihr Artikel „ Bremer Spielsucht-Experte schlägt Alarm“ vom 16.04.2012

Sehr geehrte Damen und Herren,

aus meiner persönlichen Erfahrung als Spielsüchtiger, der eine viermonatige stationäre Therapie gemacht hat, und als Mitglied des Selbsthilfevereins „GGG – Gemeinsam gegen Glücksspielsucht“ in Bremen-Nord kann ich nur bestätigen, dass die Zahl der Spielsüchtigen in den letzten Jahren rasant steigt. Und ich denke, dass Tobias Langenbach in seinem Kommentar „Grenze zur Bevormundung“ die Tragweite der Krankheit Spielsucht für unsere gesamte Gesellschaft nicht erkennt. Seinem Fazit jedenfalls, dass Prävention mehr helfen könnte als Erlasse, kann ich nicht zustimmen.

Die Werbung der Spielhallenbetreiber mag gerne behaupten, dass in ihren Spielhallen Menschen sitzen, die einfach nur Spaß haben möchten. Ich weiß dagegen, dass mehr als jeder zweite Euro (56,4 % laut Studie des Fachbeirates Glücksspielsucht) in den Kassen der Automaten in gewerblichen Spielhallen von Spielsüchtigen verspielt wurde.

Der finanzielle Anreiz der Automatenanbieter liegt also nicht in der Befriedigung harmloser und wenig einträglicher Spielfreude, sondern in der möglichst raschen Schaffung von Spielsüchtigen. Das Geschäftsmodell der Automatenindustrie beruht wesentlich auf krankgemachten Menschen. Gewinnmaximierung ist in diesem Markt Suchtmaximierung. Und auf diesem Gebiet haben die Automatenanbieter keine Skrupel.

Darüber hinaus folgt die Praxis in den Bremer Spielhallen nicht der idealen theoretischen Vorstellung des Gesetzgebers. So ist es zwar vorgesehen, sich als Spielsüchtiger relativ leicht selbst sperren lassen zu können. In der Realität ist der Versuch der Selbstsperre aber oft nicht möglich, weil viele Spielhallenbesitzer einfach nicht darauf eingehen. Das Personal sollte laut Gesetz auch geschult sein im Thema Spielsucht. Geschult wurde es auch, aber wohl eher in der Frage: „Wie versorge ich meine Spielsüchtigen am schnellsten mit kostenlosen Speisen und Getränken (und gelegentlich auch Zigaretten)?“

Der Bund orientiert sich augenscheinlich vor allem an der Förderung der Gewinne der Industrie. Dies zeigt sich auch an den gelockerten Regelungen der novellierten Spielverordnung von 2006, welche zu einer Blütezeit der Spielhallen und zu massiven Umsatzsteigerungen und Spielerverlusten führte. Der Bruttospielertrag der Branche erhöhte sich als Folge dieses Novellierung von 2,35 Mrd. Euro auf 4,14 Mrd. Euro , das ist eine Zuwachsrate von 76,2 %.

Laut Prof. Dr. Michael Adams vom Fachbeirat Glücksspielsucht  bedeutet jede neue Spielhalle mit einem Jahresumsatz von 400.000 Euro zusätzliche 18 suchtkranke Spieler pro Jahr. Und diese wiederum geben jährlich im Durchschnitt 22.000 Euro in die Spielautomaten. Das wirkliche Geld ist also nur von kranken Spielern zu holen.

Die Glücksspielsucht ist laut Prof. Dr. Jobst Böning, Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, die schwerste und volkswirtschaftlich teuerste aller Suchterkrankungen. Die direkten und indirekten sozialen Folgekosten zu Lasten der Solidargemeinschaft liegen mit mindestens 40 Mrd. € pro Jahr noch über denen durch Tabak- und Alkoholkonsum (33,7 bzw. 26,7 Mrd. €).

Zumal auch die Auswirkung der Glücksspielsucht auf die Kriminalität nicht außer acht gelassen werden sollte. Angesichts des extremen Geldbedarfs, der aus der Glücksspielsucht erwächst, geht Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V., davon aus, dass mindestens jeder Vierte der betroffenen Menschen und damit mindestens 120.000 Personen durch ihre Spielsucht auf kriminelle Weise erheblichen Schaden angerichtet haben. Die meisten Menschen, die vom Glücksspiel nicht mehr loskommen, verkaufen zur Finanzierung ihrer Sucht zunächst kleinere Wertgegenstände. Dann versilbern sie schrittweise ihr Eigentum bis hin zum Auto oder gar dem eigenen Haus. Oder sie machen Schulden, bestehlen Familienmitglieder, betrügen alte Menschen oder ihren Arbeitgeber.

Ich plädiere für die Verbannung der Geldspielautomaten in die Casinos, wie es auch in der Schweiz Usus ist.

Die Selbsthilfegruppe „GGG – Gemeinsam gegen Glücksspielsucht“ ist jederzeit über das Internet zu erreichen. Wir freuen uns auf Kontaktaufnahme und möchten alles Spielsüchtigen Mut machen, sich Hilfe zu holen.

gez. Kai Sender